|
Sonntag, 7. März 2010, ab 16.00 Uhr:
Gedenkveranstaltung zum 75. Todestag
von Ruan Lingyu (26.04.1910 – 08.03.1935)
l6.00 Uhr: 小玩意 Xiao Wanyi ("Kleine Spielzeuge"), 1933. Regie: Yu Sun. Stummfilm, schwarzweiß, mit chinesischen und englischen Zwischentiteln.
18:00 Uhr 神女 Shennü ("Göttin"), 1934. Regie: Wu Yonggang. Schwarzweiß, Stummfilm (digital restauriert), mit englischen Zwischentiteln.
20:00 Uhr 新女性 Xin Nüxing ("Eine Frau neuen Typs"), 1934. Regie: Cai Chusheng. Schwarzweiß, Stummfilm mit nachträglicher Dialog-Vertonung, chinesische und englische Zwischentitel.
Ruan Lingyu war Chinas erste Filmgöttin. Vor 75 Jahren, am 8. März 1935, beging sie Selbstmord, im Alter von 25 Jahren.
Ruan Lingyu war eine Jahrhundertschönheit, neben der die Garbo wie ein Hausfrauengesicht wirkt. Noch mehr beeindruckt jedoch die Modernität ihrer Rollen. Zwar lebt sie in einer Zeit, die Frauen kaum Möglichkeiten einer freien Lebensgestaltung bietet. Immer wieder – im Leben wie im Film – muss sie sich gegen Männer wehren, die sie ausnutzen und beherrschen wollen. Der Zeit entsprechend, enden die meisten ihrer Rollen tragisch. Aber nie ist sie passiv, niemals nur Weibchen. Sie ist sanft und liebevoll, aber auch selbstbewusst, energisch und einfallsreich. Für das, was sie liebt, kämpft sie bis in den Tod.
Mit Ruan Lingyu beginnt auch in China, was wir hierzulande bis zum Überdruss kennen: die Neugier der Presse, das Schnüffeln im Privatleben, das Breittreten von Intimitäten. Schon früh trennt sie sich von ihrem Ehemann, lebt mit einem anderen. Als sie berühmt wird, möchte auch ihr Mann davon profitieren. Er will sie zurück, klagt vor Gericht, als wäre sie eine Sache, die ihm zusteht. Die Zeitungen greifen den Streit auf, drucken Gerüchte und Verleumdungen. Ruan Lingyu hält das nicht aus. Am 8. März 1935 geht sie mit Gift aus dem Leben. Sie hinterlässt den Satz: 人言可畏 Ren Yan Ke Wei – "Gerüchte sind etwas Entsetzliches".
Die Gedenkveranstaltung könnte im Prinzip auch zum 26. April stattfinden, ihrem 100. Geburtstag. Für Chinas Filmgeschichte ist jedoch ihr Tod das entscheidende Ereignis. Vorher waren viele Schauspielerinnen sogenannte "Singmädchen", sprich Prostituierte. Entsprechend gering war die Achtung für das Medium Film und die Filmemacher. Erst der Tod Ruan Lingyus öffnete den Chinesen die Augen. Auf einmal begriffen sie, dass Film nicht nur Volksbelustigung ist, sondern Kunst – und dass deren größte Vertreter selber bedeutende Künstler sind. Beim Begräbnis folgten hunderttausend Shanghaier dem Sarg. So machte ihr Tod Ruan Lingyu zu Chinas erstem großen Filmstar.
l6.00 Uhr: 小玩意 Xiao Wanyi ("Kleine Spielzeuge"), 1933. Regie: Yu Sun. Stummfilm, schwarzweiß, mit chinesischen und englischen Zwischentiteln.
Der Film spielt auf dem Dorf. Ruan Lingyu ist Schwester Ye, eine Spielzeugmacherin. Mit immer neuen Ideen entwirft sie Spielzeuge aus Holz und Bambus, die auf den Märkten der Stadt verkauft werden. Damit ernährt sie nicht nur ihre Familie, sondern fast das ganze Dorf. Doch dann brechen die Umwälzungen und Katastrophen der Zeit auch über sie und ihre Umgebung herein. Fabrikspielzeug verdrängt das alte Handwerk – eine scheinbar moderne Problematik, die aber in China seit mehr als 100 Jahren aktuell ist. Überfälle von Warlords und die japanische Invasion zerstören ihr Dorf und ihre Familie, am Ende auch sie. Der Titel „Kleine Spielzeuge“ meint also nicht nur ihr Handwerk, sondern ebenso das menschliche Schicksal – auch wenn der Film mit einem leidenschaftlichen Aufruf zum Kampf gegen die Japaner endet.
18:00 Uhr 神女 Shennü ("Göttin"), 1934. Regie: Wu Yonggang. Schwarzweiß, Stummfilm (digital restauriert), mit englischen Zwischentiteln.
Ruan Lingyu spielt eine namenlose Hure, deren ganze Liebe ihrem kleinen Sohn gehört. Dann fällt sie einem brutalen Gangleader in die Hände, für den sie von nun an arbeiten muss. Einen Teil ihrer Einnahmen versteckt sie; damit bezahlt sie das Schulgeld für ihren Sohn. Aber als die anderen Eltern erfahren, wovon sie lebt, verlangen sie, den Sohn vom Unterricht auszuschließen. Der Direktor weigert sich und tritt zurück, aber die reichen Väter der anderen Kinder bleiben hart. Der neue Direktor weist ihren Sohn von der Schule. Sie will in eine andere Stadt fliehen, wo niemand sie kennt, aber inzwischen hat der Zuhälter das Versteck mit ihrem Geld gefunden und leergeräumt. Außer sich vor Verzweiflung, erschlägt sie ihn mit einer Glasflasche. Das Gericht verurteilt sie zu zwölf Jahren Gefängnis, und die Sorge um den Sohn macht sie halb verrückt. Doch der Schuldirektor verspricht, für ihren Sohn zu sorgen. Dankbar nimmt sie an und bittet ihn um eines: er solle dem Sohn sagen, seine Mutter sei tot.
20:00 Uhr 新女性 Xin Nüxing ("Eine Frau neuen Typs "), 1934. Regie: Cai Chusheng. Schwarzweiß, Stummfilm mit nachträglicher Dialog-Vertonung. Chinesische und englische Zwischentitel.
Ruan Lingyu als Wei Ming ist hier tatsächlich, was der Titel sagt: eine Frau neuen Typs. Sie arbeitet als Musiklehrerin, außerdem komponiert sie, schreibt unter Pseudonym Artikel und Geschichten, sogar einen Roman. Eine Rückblende zeigt, was sie hinter sich hat: eine kurze Ehe mit einem Mann gegen den Willen von dessen Familie. Als sie eine Tochter zur Welt bringt, verlässt der Mann sie, so dass sie das Kind bei Verwandten zurücklassen und in Shanghai Arbeit suchen muss. Dort stellt ihr Herr Wang nach, der reiche Direktor des Schulkollegiums. Als sie ihn abweist, erreicht er, dass sie entlassen wird. Gerade jetzt kommt ihre Tochter vom Dorf zu ihr und erkrankt schwer. Um Medizin kaufen zu können, ist sie bereit, sich für eine Nacht zu verkaufen; das Schicksal will es, dass sie ausgerechnet an Herrn Wang gerät. Sie weigert sich, schlägt ihn, läuft weg. Ihr Roman erscheint, aber eine Zeitung verleumdet sie. Als auch noch ihr Kind stirbt, greift sie zu Gift. Im Krankenhaus erwacht sie, ihre Freunde reden ihr zu, aber ihr Körper ist schon zu geschwächt. Als letztes hört sie das Lied, das sie selber vertont hat. Dann hört ihr Herz auf zu schlagen.
So wirkt der Film wie das Drehbuch zu dem Tod, den sie am 8. März 1935 selber suchte.
|